Geschichten
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Kapitel 1/ Selsebi
Selsebi kroch langsam über den Ast. Immer auf der Hut jeden Vorsprung eines Rindenstückes und jede Erhebung eines Moosbüschels als Deckung nutzend. Es roch erdig und frisch hier oben im Baum. Er war gerne hier draußen unterwegs auch wenn es einiges Geschick erforderte sich hier zu bewegen. Das war die Herausforderung die er suchte. Er roch noch einmal an dem Moosbüschel hinter dem er sich versteckte. Aber was war das?
Er hörte den Schrei eines Raben, nicht weit von ihm entfernt. Er lugte vorsichtig hinter dem Moos hervor, da! ... der Vogel flog dicht an ihm vorbei und steuerte eine Astgabel ganz in der Nähe an. Das konnte nur bedeuten das er einen Vorrat für schlechte Zeiten anlegte, der vollgepackte Schnabel ließ auf das beste Hoffen. Eine Möglichkeit für Selsebi die eigenen Vorräte aufzustocken. Er wartete bis der Rabe davongeflogen war und machte sich auf um nachzuschauen.
Wie erwartet fand er Brocken von Fleisch und Fett versteckt in den Spalten der Rinde. Das Fleisch musste von einem der großen Tiere kommen die sich immer unten am Baum das Fell kratzten, dabei wackelte immer der ganze Baum. Leider wackelt er in der letzten Zeit zunehmend heftiger.
Er hatte nach diesem Fundstück ausgesprochen gute Laune. Es war selten das sie solcherlei über dem Feuer braten konnten. Normalerweise fingen sie nur Echsen oder Baumfrösche und die waren nicht immer wirklich schmackhaft. Er bündelte das Fleisch und packte es in ein Blatt ein um es dann bequem nach Hause tragen zu können.
Mit seinen Schätzen auf dem Rücken machte er sich auf in Richtung Heimat.
Eben so vorsichtig wie auf dem Hinweg schlich er sich auch zurück, wieder alles als Deckung nutzend was sich anbot. Deswegen kam er nur langsam voran aber als er sich dem Stamm des Baumes näherte wurde das Blattwerk wieder dichter und er fühlte sich sicherer, im Halbschatten der Blätter. Der Geruch von Moos wurde stärker, jetzt musste er nur noch am Stamm etwas herunter klettern um zu der Plattform zu gelangen auf der sein Dorf lag. In den Rissen der Baumrinde fand er den Halt den er brauchte um sicher nach unten zu kommen. Im Dorf angekommen wurde er von den anderen schon sehnsüchtig erwartet. Zum einen brachte er Neuigkeiten von draußen zum anderen war er als guter Jäger bekannt und man hoffte einfach das er wieder einmal Jagdglück gehabt hatte.
Leider wurde es zunehmend schwieriger etwas essbares zu finden. Aus irgendeinem Grund schienen die Tiere diesen alten Baumriesen zu verlassen und sich anderswo anzusiedeln. So blieben Selsebi und seinem Stamm zumeist nur die Moose und Flechten die auf dem Baum wuchsen um sich zu ernähren.
Als er seine Beute vorzeigte, begannen alle mit den Vorbereitungen für ein großes Festmahl am Abend. Es wurde Feuerholz zusammengetragen und in der Mitte des Dorfplatzes aufgeschichtet. Andere kümmerten sich um das Fleisch und dessen Zubereitung. Selsebi wollte sich gerade der Gruppe anschließen die sich um das Holz kümmerte als einer der Ältesten auf ihn zukam.
"Du beobachtest schon lange die Veränderungen", sagte er. "Wir haben mit IHM gesprochen, ER ist alt und müde, ER hat uns angewiesen zu gehen. In meiner Vision hat ER mir eine Stelle in seiner Krone gezeigt die sich mit einem Nachbarn verbunden hat darüber werden wir IHN verlassen."
Nachdem er das gesagt hatte wandte er sich den Menschen auf dem Platz zu und sprach: Heute Abend werden wir nicht nur das Jagdglück feiern sondern uns auch von IHM verabschieden. Wir werden unseren treuen Baum verlassen da er alleine und in Ruhe sterben möchte."
Die Menschen auf dem Platz horchten auf und fingen dann an aufgeregt zu diskutieren. Die jüngeren voller Vorfreude auf das anstehende Abenteuer, die älteren voller Besorgnis über den bevorstehenden gefährlichen Weg.
In der Zwischenzeit hatte man die Vorbereitungen allerdings nicht vergessen. So brannte das Feuer schon und das Fleisch war schon auf Spießen angebracht und gewürzt worden. Als sich das ganze Dorf eingefunden hatte wurden die Spieße verteilt und jeder fing an sich seine Portion zu rösten. Dabei wurde weiter diskutiert, die Reise war wirklich gefährlich und es konnte alles mögliche passieren, vor allem waren auch wirklich alle Leute des Dorfes für so eine Reise geeignet?
Viele verließen das Dorf nur wenn es unbedingt notwendig war und man verließ einen Baum nur alle 20 bis 30 Generationen. Das bedeutete nun wieder das sie dieses Ereignis nur aus Erzählungen kannten.
Selsebi war geschockt, alleine schon das die Ältesten mit ihm geredet hatten konnte nur eines bedeuten, er sollte die Leute seines Dorfes anführen, bei diesem Auszug.
Nachdenklich schaute er auf seinen Spieß, erst als ihm der Geruch von verbranntem Fleisch in die Nase stieg bemerkte er das es schon lange gar, wenn nicht sogar fast ungenießbar war.
Aber es half nicht es wurde nichts verschwendet, er musste dieses Stück essen ob er wollte oder nicht.
Trotz des eher trockenen Geschmackserlebnisses in seinem Mund wandten sich seine Gedanken wieder der bevorstehenden Reise zu. Morgen loszuziehen hielt er eigentlich noch für ein wenig verfrüht, man musste doch Vorbereitungen treffen, Vorräte sammeln und Seile flechten. Je mehr desto besser. In diesem Augenblick schob sich ein Gedanke in den Vordergrund von dem er nicht wirklich wusste woher er kam. "Meinst Du nicht auch das du dich versuchst um das unvermeidliche zu drücken, wenn Du dir solche Gedanken machst?" Tat er das, fragte er sich und wer mischte sich da überhaupt ein? Aber war genügend Nahrung nicht eine wichtige Vorraussetzung für die Reise? Drängte sich wieder die andere Stimme in den Vordergrund seiner Gedanken. "Ihr werdet genügend finden damit ihr immer einen vollen Magen habt." war das wirklich einer seiner Gedanken, fragte er sich erneut.
Aber um ihn herum wurde fröhlich gefeiert er konnte nicht länger einfach so sitzen bleiben. Da musste mitgetanzt werden, schon alleine die Musik ließ seine Füße zucken. Er tanzte weiter wie der Rest seines Stammes bis in die frühen Morgenstunden und die Feuer wären noch lange zu sehen gewesen wenn denn jemand nach ihnen geschaut hätte.
copyright by Katja Maibauer
Mittwoch, 18. Mai 2011